Suchen - Schützen - Retten

dem beliebtesten Hund Deutschlands macht so schnell keiner was vor

 

Er steckt seine Nase überall rein. Die ist ziemlich lang, immer feucht und mit über 220 Millionen Riechzellen findiger als alles, was sich ein Techniker ausdenken könnte. Feine Nase, dazu prompter Gehorsam, ein Schuss Aggression, wetterfestes Fell. Mit diesen Talenten ist der Deutsche Schäferhund ein Klassiker im Such-, Schutz- und Rettungsdienst.

 Die Weltunion der Schäferhundvereine hat Mitgliedsverbände in 67 Ländern. Die meisten Fans leben in Italien, Japan und den USA, ein paar Versprengte sitzen sogar in Zimbabwe. Im Zuchtbuch des deutschen Vereins für Schäferhunde wurden mehr als zwei Millionen Tiere eingetragen seit der Rassegründer, der Königlich-Preußische Rittmeister Max von Stephanitz, 1899 seinen Hektor Linksrhein bei einer Ausstellung im badischen Karlsruhe zeigte.

Hektor war ein Hütehund, wie er in Württemberg und Thüringen jahrhunderte lang um Schafherden wirbelte, aber eben ein besonders schöner und starker. Fortan musste Hektor nicht mehr arbeiten, sondern durfte alle Hundeweibchen decken, die Herrchen Stephanitz für ihn auswählte, weil sie dessen Ideal vom Hund am nächsten kamen. Das war der Beginn einer Hunderasse, die Menschen seit 105 Jahren zu Ruhm und Schmach gereicht. Je nachdem, wer hinten an der Leine zieht.

 Der Schäferhund lotste im Ersten Weltkrieg Sanitäter zu den Verletzten aufs Feld und attackierte während der nationalsozialistischen Diktatur Häftlinge in Konzentrationslagern. Er war als Wächter an der Berliner Mauer gekettet und musste jeden verbellen, der der deutsch-deutschen Grenze zu nahe kam. Er ging mit Helmut Kohl spazieren, als der noch nicht Bundeskanzler war. Er suchte in den Trümmern des World Trade Center nach Verschütteten und schüchterte für die US-Armee irakische Gefangene ein.

 Den “Zehnkämpfer unter den Hunden” nennt ihn Clemens Lux. Er ist seit 24 Jahren Geschäftsführer der Schäferhund-Zentrale in Augsburg, oberster Verwalter von rd. 80.000 Mitgliedern und rührigster Werber für den Schäferhund.

 Die Züchter in Deutschland produzieren jedes Jahr etwa 20.000 Welpen - der Dackel folgt mit 8.000 Welpen abgeschlagen auf Rang zwei der Beliebtheitsskala. “Es gibt mit Sicherheit Hunde, die besser riechen können oder schneller laufen. Aber keiner ist so vielseitig wie der Deutsche Schäferhund.” (Zitat Clemens Lux)

Kritiker des Deutschen Schäferhundes bemängeln die abfallende Rückenlinie. Tierärzte wie Dr. Andrea Meyer-Lindenberg von der Klinik für kleine Haustiere in Hannover sehen hierin den Grund für des Öfteren deformierte Gelenke. Da nutzt es wenig, wenn Geschäftsführer Lux beteuert, der Hund sei gar nicht so sehr auf die schiefe Bahn geraten. Der tiefer gelegte Eindruck entstehe nur, wenn man ihm fürs Foto die Hinterbeine lang ziehe. “Vor 20 Jahren war es schick, den Hund völlig unnatürlich hinzustellen und am Hang zu fotografieren” erklärt er. “Aber so steht kein stinknormaler Schäferhund.”

 Schon seit 1966 schreibt der Schäferhundverein vor, alle Zuchttiere auf Hüftgelenksdysplasie (HD) zu röntgen - wer durchfällt, darf sich nicht vermehren. 2002 wurde zusätzlich eine freiwillige Untersuchung auf Ellbogendysplasie eingeführt. Seitdem geht es laut Röntgenstatistik wieder bergauf mit dem Bergab-Hund.

 Zu Debatten über Gebrechen und Fließheck des Schäferhundes kommt ein Imageproblem, das in seiner braunen Vergangenheit wurzelt. Der Schäferhund wurde zwangsläufig Nationalhund im Dritten Reich, weil er deutsche Tugenden im Guten wie im Bösen verkörperte: gehorsam, aggressiv, militaristisch. “Hitler ließ sich gern mit Schäferhündin Blondie fotografieren, um “menschlich und sympathisch” zu erscheinen”, deutet der Berliner Historiker Prof. Wolfgang Wippermann die Aufnahmen. “Dabei sieht man genau, das der Hund Angst vor ihm hatte.”

 Auch der deutsche Osten benutzte den Schäferhund für seine Politik und machte aus ihm zum Schutz der DDR eine bellende Bestie. “Sie waren an der Mauer angekettet, ohne menschlichen Kontakt und so fertig mit den Nerven, dass man manche von Ihnen nach der Wende einschläfern musste”, sagt Wippermann, der die Hunde sah. “Ein grauenhaftes Bild..”

Viele schaden dem Ruf des Deutschen Schäferhundes, und er selbst kann nichts dafür. Im Grunde ihres Hundeherzens sind sie verspielte Burschen. Sie brennen nach getaner Arbeit darauf, dass ihre Herrchen/Frauchen mit ihnen balgen und spielen - die größte Belohnung z.B. für einen Polizeihund.

 Wie umgänglich Schäferhunde sein können, stellte die Kieler Verhaltensforscherin Dr. Dorit Feddersen-Petersen fest. Sie studiert Schäferhunde seit sieben Jahren im Rudel und hat herausgefunden, dass sie Lust und Leid vor allem über die Art des Bellens untereinander mitteilen. Dadurch stellen sie stabile Hierarchien auf, ohne sich zu verletzen. “Schäferhunde sind sozial wie Wölfe und viel belastbarer als etwa Zwergpudel. Die (Zwergpudel) sind in großen Gruppen völlig überfordert und werden aggressiv.” (Zitat Feddersen-Petersen) 

Bei allen Rassen kommt es extrem auf die Aufzucht an. “Schäferhunde aus reiner Zwingeraufzucht (Anmerkung von mir: ohne regelmässigen Kontakt zu Menschen) sind ängstlicher und aggressiver. Großzwinger müssten deshalb verboten werden. Das sind Keimzellen für Beißer, die zuschnappen, wenn man Ihnen zu nah kommt”, erklärt die Verhaltensforscherin.

 Einsätze bei Katastrophen polieren das ramponierte Image der Rasse wieder auf  - und natürlich die clevere Fernsehspürnase Kommissar Rex, der ursprünglich “Reginald vom Ravenhorst” hieß, gebürtiger Bayer war und sieben Jahre lang, gelotst von US-Trainerin Terese Ann Miller, durchs Fernsehen hechelte. Der Verein für Deutsche Schäferhunde (SV) hatte keinerlei Einfluss darauf, sondern nur Arbeit mit den Folgen. Es wurde sogar ein Sorgentelefon eingerichtet, weil jeder einen Schäferhund wollte. Denen schickte der SV einen Plüschhund. Reginald ging, nachdem mehrere Staffeln gedreht waren, in Rente und wurde von “Rhett Butler” aus der Steiermark ersetzt.

Im richtigen Leben tut sich die Polizei schwer, wenn sie Dienstnachwuchs sucht. Früher waren es zu 90 % Deutsche Schäferhunde, heute nur noch 60 %. Die besten Hunde kauft das Ausland, denn die deutschen Behörden dürfen laut Vorschrift nicht mehr als durchschnittlich 1.500 Euro für einen Hund ausgeben. Ein Welpe kostet 300 - 1.000 Euro, eine Zuchthündin oder ein ausgebildeter Schutzhund gut 3.000 Euro. Der teuerste Schäferhund aller Zeiten ging angeblich für 1 Mio DM nach Asien.

 

 

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